Die Luftmechaniker

Die Luftmechaniker

 

Leseprobe

Dummes Zeugs, typisch Franzosen. Immer etepetete. Das kennen wir ja von den Herren Ambassadoren. Denen würde es sowieso nicht passen, wenn die gepuderten Näschen ihrer Damen dem grässlichen Gestank von halbverwesten Tierkadavern, nassem Stroh, gehackter Schafswolle und alten Schuhen ausgesetzt wären. „Mongolfierscher Rauch“, so ein Chabis. – Es ist einzig die Hitze, die den Luftapparat zum Fliegen bringt und nicht der Rauch von toten Schweinshälften und ausgelatschten Schuhen.

Er, Anton, der Technikus, und sein Bruder, Urs Jacob, der Gelehrte und Geistliche, aus Balsthal, werden den Franzosen und Solothurnern beweisen, dass man einen Ballon auch ohne Rauch, einfach mit einem sauberen, republikanischen, eidgenössischen Feuer in die Luft steigen lassen kann. Und da alles so kommt, wie Urs Jacob es berechnet hat, wird ihre Luftmaschine höher und weiter fliegen als all die Montgolfiers, Reveillons und Fiesselles zusammen. Ohne zu stinken, sauber, lautlos.

Bestenfalls wäre das Meckern der Geiß zu hören. Aber auch nicht lange, stiege doch die Luftmaschine derart rasant hoch, dass das Schreien der Geiß nur ganz kurz bis zur Erde dringen würde. Sie, die Geiß, wäre dann eine wirkliche Heldin. Da reden wir nicht von einer Höhe von ein paar hundert Fuß, da reden wir von Klaftern und zwar von 2’000, 3’000 oder sogar 4’000, also 15 – 25.000 Fuß. Und dann werden wir sehen, ob so ein Vieh in dieser Höhe überlebt. Und tut es dies, dann hat es ein ewiges Leben im königlichen Garten unter dem Namen „In den Himmel aufgestiegen“ verdient, aber nicht wegen ein paar hundert Fuß, wie der ungeschickte Hammel von Montgolfier.

Sie haben absichtlich keinen Ziegenbock gewählt. Sie wollten nicht provozieren, obwohl Urs Jacob Priester ist und die Montgolfiers in Versailles bewiesen hatten, dass es bei diesen Heißapparaten mit rechten Dingen zu und herging. Aber man konnte nie wissen. Es musste nur einer schreien „ein Bock mit schwarzem Bart, der Teufel hat seine Hände mit ihm Spiel“ – und schon konnte es brenzlig werden; also eine Geiß, eine Himmelfahrtsgeiß.

Und wie es dort oben, knapp unter den Sternen, wirklich zu und hergehe, das wird man dann am Zustand der Geiß ablesen können. Sie wird höher steigen als alle Berge, die man vom Weissenstein aus sehen kann. Und das sind viele, und die sind alle hoch. Sehr hoch, so hoch dass die Geiß vielleicht, falls Urs Jacobs Berechnungen stimmen würden, hinter den Himmel sehen könnte. Als erste Geiß auf Erden und vor jedem Menschen. Und er, der Anton, zusammen mit seinem Bruder, dem Urs Jacob, haben die Geiß da rauf geschickt, um, aber dies trauten sie sich nicht auszusprechen, Gott zu schauen.

Ganz wohl war es ihnen, vor allem Urs Jacob, bei dem Gedanken nicht, aber letztlich war es Urs Jacob, der sagte, «wenn er mich rechnen lässt, wie ich zu IHM komme, dann gehe ich auch zu IHM».